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Strompreis-Dossier Teil 4: Sind die erneuerbaren Energien für den Strompreisanstieg verantwortlich

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Sind die erneuerbaren Energien für den Strompreisanstieg verantwortlich?

Ökostrom
Ökostrom © Eisenhans, fotolia.com

Der durchschnittliche Strompreis ist, zumindest für Privathaushalte, in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Über die Gründe dafür sind endlose Wortgefechte ausgetragen worden. Im Wesentlichen kämpfen zwei große Industriezweige um die Meinungshoheit zu diesem Thema. Die großen Energiekonzerne und Betreiber der deutschen Atomkraftwerke nutzen die Energiewende gerne, um dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Die Ökostrom-Erzeuger argumentieren entgegengesetzt: Die Erneuerbaren hätten eine strompreissenkende Wirkung. Wir untersuchen Pro und Kontra in der Debatte.

„Preistreiber“ Erneuerbare Energien?

Wenn Ihr Stromversorger in den letzten Monaten die Preise erhöht hat, dürfte Ihnen das bekannt vorkommen. Die große Mehrheit der Anbieter führt gerne die EEG-Umlage als Argument für die gestiegenen Kosten an. Das ist nicht ganz falsch, aber nur die halbe Wahrheit. Die Energieversorger sind zum einen nicht dazu verpflichtet, die Umlage, ob ganz oder teilweise, an ihre Kunden weiterzugeben. Eine Preiserhöhung aus diesem Grund ist also nicht unausweichlich.

Zum anderen beträgt die EEG-Umlage, mit der der Ausbau erneuerbarer Energien gefördert werden soll, derzeit 6,354 Cent (2016). Damit ist sie seit dem Jahr 2007 um rund 5 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Bei nahezu allen Kunden dürfte der Strompreis in diesem Zeitraum jedoch erheblich stärker gestiegen sein. Die Umlage alleine kann also nicht für den Anstieg verantwortlich gemacht werden.


Entwicklung der EEG Umlage mit Steigerungsfaktoren © Bild Bundesverband Erneuerbare Energie e.V. (BEE)

Strompreis wird weiter steigen

Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber insbesondere energieintensiven Industriebetrieben immer mehr Privilegien eingeräumt hat, deren Kosten von der gesamten Gemeinschaft der Stromkunden getragen werden müssen. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen bezeichnet diese Regelungen als „Milliardengeschenk für die Großindustrie“. Viele Kritikern sehen das derzeitige System der Lastenverteilung als hochgradig ungerecht an – ein Fehler, den die Politik zu verantworten hat. Denn obwohl die Energiewende gesellschaftlicher Konsens ist, müssen die „Kleinen“, in diesem Fall die privaten Verbraucher, einen guten Teil der Zeche der „Großen“, sprich: energieintensiver Großbetriebe, zahlen. Die breite Masse an Kleinverbrauchern muss diese Förderungen gegenfinanzieren, und zwar mit einer immer schneller steigenden EEG-Umlage sowie der §19-Umlage, die eine Vielzahl großer Betriebe von der Zahlung der Netzentgelte befreit.

Die Entwicklung der Strompreise wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich wie gehabt fortsetzen. Eine im Mai 2012 veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung McKinsey kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Kosten für die Energiewende bis 2020 um rund 60 Prozent erhöhen werden. Dies entspräche etwa 21,5 Milliarden an jährlichen Kosten, die Privathaushalte und die Unternehmen gleichermaßen zu schultern hätten. Wie es in der Studie weiter heißt, steige der Strompreis bis 2020 inflationsbereinigt um rund 10 Prozent auf dann circa 29 Cent pro Kilowattstunde. Das Szenario ist mittlerweile fast von der Realität eingeholt worden, bereits heute zahlt ein durchschnittlicher Drei-Personen-Haushalt 28,5 Cent pro Kilowattstunde.

„Kostendämpfer“ Erneuerbare Energien

Bei der Diskussion um den Einfluss regenerativer Energiequellen auf den Strompreis darf vor allem der Hauptgrund für die Energiewende nicht aus den Augen verloren werden. Der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien sorgt für eine umweltfreundliche und nachhaltige Stromerzeugung und bietet deutschen Unternehmen gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit innovativen Produkten in diesem Bereich die weltweite Technologieführerschaft zu erarbeiten. So heißt es in der McKinsey-Studie beispielsweise auch, dass der Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 im Vergleich zum Jahr 1990 um 31 Prozent sinken werde. Der finanzielle Gewinn, der durch die Vermeidung von Umweltschäden erzielt wird, dürfte immens sein, lässt sich jedoch kaum seriös beziffern.

Der Börsenstrompreis kannte im Verlauf der letzten Jahre außerdem keineswegs nur die Richtung nach oben. Die Beschaffungskosten der Energiekonzerne sanken teilweise erheblich, ohne dass sie diese Entwicklung adäquat an die Verbraucher weitergegeben hätten. Es ist ähnlich wie beim Leitzins der Banken: Zinssenkungen werden von der Hausbank meist schnell weitergegeben, während Zinssteigerungen vorerst einmal zur Steigerung des eigenen Gewinns zurückgehalten werden. Ein Blick in die Bilanzen der großen Energiekonzerne zeigt, dass die Erträge teilweise nach wie vor recht groß sind.


Strompreisdämpfender Effekt Erneuerbarer Energien © Bild Agentur für erneuerbare Energie

Kurzzeitig kostete Strom 0 Cent

Aufgrund der steigenden Anzahl an regenerativen Stromerzeugern, die zusätzliche Kapazitäten in das Stromnetz einspeisen, sprechen viele Experten den Erneuerbaren sogar eine strompreisdämpfende Wirkung zu. Wie auf jedem Markt leitet sich der Preis für Strom von Angebot und Nachfrage ab. Zu einem Kuriosum kam es im April 2012. Kurzzeitig wurde so viel Wind- und Sonnenstrom in die Netze eingespeist, dass das Angebot die Nachfrage übertraf. Die Folge: Der Preis an der Europäischen Strombörse sank unter 0 Cent.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht den Einfluss der Erneuerbaren positiv. Die Experten prognostizieren für die Zukunft nur noch geringe durch die erneuerbaren Energien bedingte Strompreiserhöhungen. Der Effekt, der durch die Senkung der Börsenstrompreise erzielt wird, könne sogar zu einer Nettobelastung für die Verbraucher führen, die geringer als die EEG-Umlage ist.

Grundsatz-Diskussionen

Die Diskussionen um den Strompreis sind oft eher von Ideologien als von Fakten geprägt. Nach Fukushima bestand in Deutschland ein breiter gesellschaftlicher Konsens, sich von der Atomenergie abzuwenden. Obwohl die Technologie als weitgehend sicher bezeichnet werden kann, ist das Risiko der kaum behebbaren Schäden, falls doch einmal etwas Gravierendes passieren sollte, vielen Menschen zu groß. Fossile Energiequellen sind nur in begrenztem und immer stärker abnehmendem Maße verfügbar. Ihr Kostenanstieg ist unvermeidbar, da einer immens großen Nachfrage immer weniger Ressourcen gegenüberstehen.

Der Umstieg auf regenerative Energiequellen ist nicht umsonst zu haben. Berücksichtigt man, über die hier dargestellten Aspekte hinaus, die neu entstehenden Industriezweige, Arbeitsplätze und die positiven Effekte der Erneuerbaren auf die Umwelt, erscheinen die Investitionen jedoch durchaus lohnenswert. Erneuerbare als Sündenbock für die stetig steigenden Strompreise heranzuziehen, wird der realen Situation nicht gerecht. Ihr Einfluss ist zwar spürbar, jedoch bei weitem nicht so groß wie es manche Lobbyisten und Marketingabteilungen gerne darstellen. Zum Vergleich: Noch gänzlich ungeklärt sind beispielsweise die Kosten, die künftig für die Endlagerung von Atommüll anfallen werden. Billig wird auch das nicht: Die Halbwertszeit vieler radioaktiver Elemente beträgt mehrere Millionen Jahre.

Weitere Informationen

Strompreis-Dossier Übersicht
Strompreis-Dossier Teil 1: Die Strompreis Entwicklung bei Privathaushalten
Strompreis-Dossier Teil 2: Strompreis Zusammensetzung für Privathaushalte
Strompreis-Dossier Teil 3: Vergleich Strompreise Industrie und Privathaushalt
Strompreis-Dossier Teil 4: Sind die erneuerbaren Energien für den Preisanstieg verantwortlich
Strompreis-Dossier Teil 5: Strompreise im europäischen Vergleich
Strompreis-Dossier Teil 6: Die Strombörse und der Strompreis
Strompreis-Dossier Teil 7: Die wichtigsten Tipps zur Senkung des Strompreises



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