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Die Strombörse in Deutschland – noch gar nicht so alt

Unter einer Strombörse versteht man einen Handelsplatz, an dem Strom angekauft und verkauft wird, ganz ähnlich einer Wertpapierbörse. Die Preise ergeben sich, wie immer in der freien Marktwirtschaft, aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Für Deutschland sind heute zwei Handelsplätze maßgeblich, die im Alltag oft in einen Topf geworfen werden: Der kurzfristige Handel für den Folgetag und für denselben Tag — der Spotmarkt, aus dem der viel zitierte Börsenstrompreis stammt — läuft über die EPEX SPOT mit Sitz in Paris. Die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig ist dagegen vor allem Terminmarkt: Dort wird Strom für Monate und Jahre im Voraus gehandelt. Beide gehören zur selben Unternehmensgruppe, weshalb umgangssprachlich meist pauschal von „der Strombörse in Leipzig“ die Rede ist. Handelsteilnehmer sind Energieunternehmen, Stadtwerke, große Industriekunden und spezialisierte Händler — Privatkunden haben dort keinen Zugang.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der kurzfristige Börsenstrompreis entsteht an der EPEX SPOT in Paris, der Terminmarkt liegt bei der EEX in Leipzig.
  • Den Preis setzt das teuerste noch benötigte Kraftwerk — das Merit-Order-Prinzip.
  • Nur rund 40 Prozent des Haushaltsstrompreises hängen überhaupt am Großhandel.
  • Wer direkt am Börsenpreis teilhaben will, braucht einen dynamischen Tarif und ein intelligentes Messsystem.
Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller
Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller

Die deutsche Energiebörse hat seit 2002 ihren Sitz in Leipzig. Zuvor war die EEX in Frankfurt am Main ansässig, wo sie im Jahr 2000 gegründet worden war. Zwei Jahre später siedelte die EEX nach der Fusion mit der Strombörse Leipzig Power Exchange (LPX) nach Sachsen um. Gemessen an ihrem Handelsvolumen gilt die Leipziger Strombörse heute als führender Energiehandelsplatz in Europa. Eine einzige europäische Strombörse gibt es bis heute nicht — die Preisbildung ist trotzdem längst europäisch: Über das sogenannte Market Coupling werden die Day-Ahead-Gebote der Gebotszonen gemeinsam berechnet; verfügbare Grenzkapazitäten werden unter Netzrestriktionen so zugeteilt, dass der wirtschaftliche Gesamtnutzen steigt. Deshalb liegen die Börsenpreise benachbarter Länder in vielen Stunden exakt gleichauf.

An der Strombörse wird der Strompreis bestimmt
An der Strombörse wird der Strompreis bestimmt

Wie kommt der Strompreis an der Strombörse zustande?

Der Index, der für den Strompreis maßgeblich ist, nennt sich „Physical Electricity Index“, kurz „Phelix“; seit die gemeinsame deutsch-österreichische Gebotszone getrennt wurde, wird er für Deutschland als Phelix-DE ausgewiesen. Er bildet den Referenzpreis für unterschiedliche Zeiträume.

Es gibt zweierlei Arten, auf die Elektrizität an der Strombörse gehandelt wird: das Spot- und das Termingeschäft. Der Unterschied zwischen beiden liegt im unterschiedlichen Lieferzeitraum. Spotgeschäft bezeichnet den kurzfristigen Handel mit Strom. Sein Herzstück ist die Day-Ahead-Auktion: Bis 12 Uhr mittags geben alle Teilnehmer ihre Gebote für den Folgetag ab, dann werden Angebot und Nachfrage übereinandergelegt und die Preise für jedes Zeitintervall des kommenden Tages festgestellt. Seit dem 30. September 2025 geschieht das nicht mehr stundenweise, sondern im Viertelstundentakt. Ab 15 Uhr läuft parallel der Intraday-Handel für den Folgetag an, und der geht bis dicht an die Lieferung heran: Innerhalb der deutschen Regelzonen kann noch bis fünf Minuten vor Lieferbeginn nachgekauft werden. So gleichen die Teilnehmer kurzfristige Engpässe aus oder stoßen Überkapazitäten ab — je mehr Wind- und Solarstrom im Netz ist, desto wichtiger wird dieser Ausgleich.

Am Terminmarkt setzen die Teilnehmer dagegen auf langfristige Geschäfte. Hier werden so genannte „Phelix-Futures“ gehandelt. Für deutsche Jahresfutures sind Laufzeiten von bis zu zehn Kalenderjahren im Voraus handelbar. Stromerzeuger bzw. –lieferanten, die am Terminmarkt kaufen, können so mit sichereren Preisen kalkulieren und haben mehr Sicherheit und geringere Risiken. Der Preis, der für Terminverträge zugrunde gelegt wird, orientiert sich am Spotmarkt.

So entsteht der Börsenstrompreis

12 UhrGebotsschluss Day-Ahead
15 MinutenPreisintervall seit 30.9.2025

1Das Merit-Order-Prinzip

Alle Kraftwerke bieten in der Reihenfolge ihrer laufenden Kosten an: zuerst Wind und Sonne, die praktisch keine Brennstoffkosten haben, danach die konventionellen Kraftwerke bis hin zu Gas. Zugeschaltet wird, bis die Nachfrage gedeckt ist — und das teuerste dafür noch benötigte Kraftwerk setzt den Preis für alle.

2Was daraus folgt

Viel Wind und Sonne drücken den Preis, weil teure Gaskraftwerke gar nicht erst gebraucht werden.
Bei Flaute und hoher Nachfrage setzt häufig ein Gaskraftwerk den Preis — dann wird die Stunde für alle teuer.
Übersteigt das Angebot die Nachfrage deutlich, kann der Preis negativ werden: 2025 geschah das in 573 Stunden.

3Wo was gehandelt wird

Spotmarkt (Day-Ahead und Intraday)EPEX SPOT, Paris
Terminmarkt (Futures)EEX, Leipzig
Handelsschluss Intraday in der Regelzone5 Minuten vor Lieferbeginn
Merksatz

Der Börsenpreis ist ein Großhandelspreis: Er bewegt nur den wettbewerblichen Teil Ihrer Rechnung, nicht Netzentgelte, Steuern und Umlagen.

Quelle: EPEX SPOT und EEX

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Übrigens: Die Vorstellung, dass die gesamte in Deutschland erzeugte und verbrauchte Strommenge über die Börse läuft, ist falsch. Ein erheblicher Teil wird weiterhin außerbörslich in direkten Lieferverträgen zwischen Erzeugern und Abnehmern gehandelt. Dafür steht der Begriff OTC-Handel, von „Over The Counter“, übersetzt: über den Ladentisch. Diese Verträge werden bilateral geschlossen und laufen häufig mittel- bis langfristig. Ein Nebenschauplatz ist der Börsenhandel deshalb aber nicht: Weil Börsenpreise transparent veröffentlicht werden, dienen sie auch im außerbörslichen Handel als wichtige Referenz.

Wenn Energieversorger Strompreiserhöhungen mit gestiegenen Börsenpreisen begründen, lohnt trotzdem ein zweiter Blick — denn die Börsenpreise sind keineswegs immer nur gestiegen. Nach dem Krisenhoch 2022 fielen sie zunächst deutlich; 2025 stieg der durchschnittliche Day-Ahead-Großhandelspreis der Gebotszone Deutschland/Luxemburg gegenüber 2024 aber wieder um 13,8 Prozent. Gleichzeitig erreichte die Zahl der Stunden mit negativen Börsenpreisen 2025 mit 573 Stunden einen Rekordwert. Beim Haushaltskunden kommt ein sinkender Börsenpreis allerdings erst verzögert an, weil Versorger ihren Bedarf über Monate und Jahre im Voraus einkaufen.

Wie stark der Börsenpreis überhaupt durchschlagen kann, zeigt der Blick auf die Rechnung: Von einem durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von rund 37 Cent je Kilowattstunde entfielen 2026 etwa 15,2 Cent auf Beschaffung und Vertrieb einschließlich Marge, rund 9,2 Cent auf die Netzentgelte und etwa 12,6 Cent auf Steuern, Abgaben und Umlagen (BDEW-Strompreisanalyse August 2026). Der wettbewerbliche Teil, in dem sich Börsenpreise überhaupt niederschlagen können, macht damit rund 40 Prozent aus — spürbar, aber eben nicht der ganze Preis. Wer prüfen will, ob eine Erhöhung nachvollziehbar ist, sollte deshalb immer fragen, welcher Bestandteil sich konkret geändert hat; die Zusammensetzung des Strompreises gibt darauf die Antwort. Und wer bei einem Versorger mit eigenen Kraftwerken ist, sollte wissen: Der hängt weniger stark am Großhandel als ein reiner Händler — Zahlen dazu veröffentlicht die Bundesnetzagentur in ihrem jährlichen Monitoringbericht.

Drei Mythen über die Strombörse

MythosDie Strombörse treibt den Strompreis nach oben.
FaktSie bildet Angebot und Nachfrage ab — in beide Richtungen. In Stunden mit viel Wind und Sonne fällt der Preis, an manchen Tagen unter null. Teuer wird es, wenn ein Gaskraftwerk die letzte benötigte Kilowattstunde liefern muss.
MythosDer Börsenpreis ist mein Strompreis.
FaktNur rund 40 Prozent des Haushaltspreises entfallen auf Beschaffung, Vertrieb und Marge. Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen machen den Rest aus.
MythosWas an der Börse passiert, betrifft mich nicht, weil mein Anbieter direkt einkauft.
FaktAuch außerbörsliche Lieferverträge können sich an Börsenpreisen orientieren — sie sind ein wichtiger transparenter Referenzpunkt.
Quellen: Bundesnetzagentur/SMARD (Strommarkt 2025) und BDEW-Strompreisanalyse August 2026


Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller

Energiebörsen – nicht immer ein sauberes Geschäft

Energiebörsen stehen häufiger in der Kritik. Vor allem viele Verbraucher beäugen die Handelsgeschäfte oftmals argwöhnisch. Zu undurchschaubar sind die Geschäfte für sie, zu willkürlich und unglaubwürdig erscheinen Stromkunden die Preiserhöhungen. Und in der Tat hat die Geschichte gelehrt, dass Energiebroker bei ihren Geschäften nicht unbedingt nur das Wohl des Verbrauchers im Blick haben.

So meldete der US-Konzern Enron 2001 Insolvenz an. Das Unternehmen hatte Mitte der 80er Jahre für Furore gesorgt, weil es Energie als eines der ersten Unternehmen wie eine Ware an Terminmärkten handelte. Später jedoch verstrickte es sich zunehmend in Marktmanipulationen. Enron hatte durch fingierte Spekulationen und gefälschte Bilanzen vermeintliche Strom-Engpässe geschaffen und so künstlich die Preise in die Höhe getrieben. Die damalige Aufsicht und die Marktregeln wiesen dabei Lücken auf; zuständig waren staatliche Stellen wie FERC und SEC.

Auf Grund stärkerer Kontrollen halten viele derartige Manipulationen in Europa für unwahrscheinlich. Dennoch gab es auch in Deutschland schon mal Gerüchte um Preisabsprachen. So gerieten Mitte 2005 die vier Energieriesen E.ON, EnBW, Vattenfall Europe und RWE ins Visier der Kritik, Preise manipuliert zu haben.

Seither hat sich die Aufsicht über den deutschen Strommarkt allerdings grundlegend verändert. Die EU-Verordnung über die Integrität und Transparenz des Energiegroßhandelsmarkts, kurz REMIT, verbietet Insiderhandel und Marktmanipulation im Energiegroßhandel ausdrücklich und verpflichtet die Handelsteilnehmer zur Meldung ihrer Geschäfte. In Deutschland wertet die gemeinsame Markttransparenzstelle für den Großhandel mit Strom und Gas von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt diese Daten aus. Auch der Markt selbst ist breiter geworden: An der EEX handeln heute mehr als 500 Teilnehmer aus über 30 Ländern. Vollständige Sicherheit gibt es im Börsenhandel nie — der pauschale Manipulationsverdacht der Nullerjahre trägt heute aber nicht mehr.

Nicht immer schlagen die Entwicklungen an der Strombörse beim Verbraucher durch. Das große Angebot an erneuerbaren Energien sorgt regelmäßig dafür, dass die Strompreise an der Börse fallen. Wie stark einzelne Stromanbieter solche Ausschläge weitergeben, unterscheidet sich dabei erheblich. Der Wegfall der EEG-Umlage im Juli 2022 hat den Strompreis zwar entlastet, aber nicht dauerhaft gesenkt — parallel stiegen andere Bestandteile, vor allem die Netzentgelte.

Näher am Börsenpreis: dynamische Stromtarife

Wer den Börsenpreis nicht nur beobachten, sondern direkt nutzen möchte, kann seit dem 1. Januar 2025 einen dynamischen Tarif wählen. Seit diesem Stichtag muss jeder Stromlieferant seinen Kunden einen dynamischen Stromvertrag anbieten, sofern bei ihnen ein intelligentes Messsystem installiert ist (§ 41a EnWG); zuvor galt die Pflicht nur für Lieferanten mit mindestens 100.000 Kunden. Der Arbeitspreis folgt dann in kurzen Intervallen dem Börsenpreis, und Geräte lassen sich gezielt in günstigen Stunden nutzen. Ein negativer Börsenpreis bedeutet allerdings nicht automatisch einen negativen Endpreis: Netzentgelte, Steuern und Umlagen fallen weiter an. Und die Kehrseite gehört dazu: In teuren Stunden zahlt man ebenfalls den Marktpreis, weshalb sich dynamische Tarife vor allem für Haushalte lohnen, die ihren Verbrauch tatsächlich verschieben können.

Stromkosten © Superingo, stock.adobe.com
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