Strompreis-Dossier Teil 4: Sind die erneuerbaren Energien für den Strompreisanstieg verantwortlich

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Sind die erneuerbaren Energien für den Strompreisanstieg verantwortlich?

Der durchschnittliche Strompreis ist, zumindest für Privathaushalte, in den letzten Jahren immer weiter angestiegen. Über die Gründe dafür sind endlose Wortgefechte ausgetragen worden. Im Wesentlichen kämpfen zwei große Industriezweige um die Meinungshoheit zu diesem Thema. Die großen Energiekonzerne und Betreiber der deutschen Atomkraftwerke nutzen die Energiewende gerne, um dem Ausbau erneuerbarer Energiequellen den Schwarzen Peter in die Schuhe zu schieben. Die Ökostrom-Erzeuger argumentieren entgegengesetzt: Die Erneuerbaren hätten eine strompreissenkende Wirkung. Wir untersuchen Pro und Kontra in der Debatte.

Ökostrom © Eisenhans, fotolia.com
Ökostrom © Eisenhans, fotolia.com

„Preistreiber“ Erneuerbare Energien?

Wenn Ihr Stromversorger in den letzten Monaten die Preise erhöht hat, dürfte Ihnen das bekannt vorkommen. Die große Mehrheit der Anbieter führt gerne die EEG-Umlage als Argument für die gestiegenen Kosten an. Das ist nicht ganz falsch, aber nur die halbe Wahrheit. Die Energieversorger sind zum einen nicht dazu verpflichtet, die Umlage, ob ganz oder teilweise, an ihre Kunden weiterzugeben. Eine Preiserhöhung aus diesem Grund ist also nicht unausweichlich.

Zum anderen beträgt die EEG-Umlage, mit der der Ausbau erneuerbarer Energien gefördert werden soll, derzeit 6,79 Cent (2018). Damit ist sie seit dem Jahr 2007 um rund 5,5 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Bei nahezu allen Kunden dürfte der Strompreis in diesem Zeitraum jedoch erheblich stärker gestiegen sein. Die Umlage alleine kann also nicht für den Anstieg verantwortlich gemacht werden.


Entwicklung der EEG Umlage mit Steigerungsfaktoren © Bild Bundesnetzagentur

Strompreis wird weiter steigen

Hinzu kommt, dass der Gesetzgeber insbesondere energieintensiven Industriebetrieben immer mehr Privilegien eingeräumt hat, deren Kosten von der gesamten Gemeinschaft der Stromkunden getragen werden müssen. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen bezeichnete diese Regelungen als „Milliardengeschenk für die Großindustrie“. Viele Kritikern sehen das derzeitige System der Lastenverteilung als hochgradig ungerecht an – ein Fehler, den die Politik zu verantworten hat. Denn obwohl die Energiewende gesellschaftlicher Konsens ist, müssen die „Kleinen“, in diesem Fall die privaten Verbraucher, einen guten Teil der Zeche der „Großen“, sprich: energieintensiver Großbetriebe, zahlen. Die breite Masse an Kleinverbrauchern muss diese Förderungen gegenfinanzieren, und zwar mit einer immer schneller steigenden EEG-Umlage sowie der §19-Umlage, die bei einer Vielzahl großer Betriebe zu einer Reduzierung der Netzentgelte führt.

Die Entwicklung der Strompreise wird sich in den kommenden Jahren voraussichtlich wie gehabt fortsetzen. Allein der Netzausbau verursacht nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zwischen 2016 und 2025 kumulierte Kosten in Höhe von etwa 50 Milliarden Euro. Zudem ist die Wechselbereitschaft von Privatkunden nach wie vor nicht so hoch, wie sie sein könnte. Die Stromanbieter haben damit aber nur einen begrenzten Anreiz, sinkende Kosten an ihre Kunden weiterzugeben oder besonders sparsam zu wirtschaften.

„Kostendämpfer“ Erneuerbare Energien

Bei der Diskussion um den Einfluss regenerativer Energiequellen auf den Strompreis darf vor allem der Hauptgrund für die Energiewende nicht aus den Augen verloren werden. Der verstärkte Einsatz erneuerbarer Energien sorgt für eine umweltfreundliche und nachhaltige Stromerzeugung und bietet deutschen Unternehmen gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit innovativen Produkten in diesem Bereich die weltweite Technologieführerschaft zu erarbeiten. Der finanzielle Gewinn, der durch die Vermeidung von Umweltschäden erzielt werden kann, dürfte immens sein, lässt sich jedoch kaum seriös beziffern.

Der Börsenstrompreis kannte im Verlauf der letzten Jahre außerdem keineswegs nur die Richtung nach oben. Die Beschaffungskosten der Energiekonzerne sanken teilweise erheblich, ohne dass sie diese Entwicklung adäquat an die Verbraucher weitergegeben hätten. Es ist ähnlich wie beim Leitzins der Banken: Zinssenkungen werden von der Hausbank meist schnell weitergegeben, während Zinssteigerungen vorerst einmal zur Steigerung des eigenen Gewinns zurückgehalten werden.

Kurzzeitig kostete Strom 0 Cent

Aufgrund der steigenden Anzahl an regenerativen Stromerzeugern, die zusätzliche Kapazitäten in das Stromnetz einspeisen, sprechen viele Experten den Erneuerbaren sogar eine strompreisdämpfende Wirkung zu. Wie auf jedem Markt leitet sich der Preis für Strom von Angebot und Nachfrage ab. Zu einem Kuriosum kam es erstmals im April 2012. Kurzzeitig wurde so viel Wind- und Sonnenstrom in die Netze eingespeist, dass das Angebot die Nachfrage übertraf. Die Folge: Der Preis an der Europäischen Strombörse sank unter 0 Cent. Mittlerweile sind diese sogenannten negativen Strompreise gang und gäbe, wenn der Wind besonders stark weht oder die Sonne intensiv und lange scheint.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht den Einfluss der Erneuerbaren positiv. Die Experten prognostizieren für die Zukunft nur noch geringe durch die erneuerbaren Energien bedingte Strompreiserhöhungen. Der Effekt, der durch die Senkung der Börsenstrompreise erzielt wird, könne sogar zu einer Nettobelastung für die Verbraucher führen, die geringer als die EEG-Umlage ist.

Grundsatz-Diskussionen

Die Diskussionen um den Strompreis sind oft eher von Ideologien als von Fakten geprägt. Nach Fukushima bestand in Deutschland ein breiter gesellschaftlicher Konsens, sich von der Atomenergie abzuwenden. Obwohl die Technologie als weitgehend sicher bezeichnet werden kann, ist das Risiko der kaum behebbaren Schäden, falls doch einmal etwas Gravierendes passieren sollte, vielen Menschen zu groß. Fossile Energiequellen sind nur in begrenztem und immer stärker abnehmendem Maße verfügbar. Ihr Kostenanstieg ist unvermeidbar, da einer immens großen Nachfrage immer weniger Ressourcen gegenüberstehen.

Der Umstieg auf regenerative Energiequellen ist nicht umsonst zu haben. Berücksichtigt man, über die hier dargestellten Aspekte hinaus, die neu entstehenden Industriezweige, Arbeitsplätze und die positiven Effekte der Erneuerbaren auf die Umwelt, erscheinen die Investitionen jedoch durchaus lohnenswert. Erneuerbare als Sündenbock für die stetig steigenden Strompreise heranzuziehen, wird der realen Situation nicht gerecht. Ihr Einfluss ist zwar spürbar, jedoch bei weitem nicht so groß wie es manche Lobbyisten und Marketingabteilungen gerne darstellen. Zum Vergleich: Noch gänzlich ungeklärt sind beispielsweise die Kosten, die künftig für die Endlagerung von Atommüll anfallen werden. Billig wird auch das nicht: Die Halbwertszeit vieler radioaktiver Elemente beträgt mehrere Millionen Jahre.

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