Strompreis-Dossier Teil 5: Strompreise im europäischen Vergleich
Die Strompreise im europäischen Vergleich

Strompreise © Electricity Pylons, fotolia.com
Viel ist geschrieben worden von den hohen Strompreisen in Deutschland – und das, obwohl der Markt doch bereits seit 1998 liberalisiert ist. Von einem hart umkämpften Wettbewerb ist man nach wie vor weit entfernt. Lediglich in den ersten beiden Jahren nach der Liberalisierung waren sinkende Preise zu verzeichnen, bevor die Kosten bis zum heutigen Tag kontinuierlich anstiegen. Ein Blick über den Tellerrand kann selten schaden. Wie entwickelten sich die Strompreise im Rest von Europa? Wo steht Deutschland im Vergleich? Hier erfahren Sie die Antworten.
Europaweit große Unterschiede bei den Strompreisen
Nach Luxemburg auswandern? Für die meisten Leser wäre das sicherlich keine Alternative. Das kleine Land ist jedoch, was die Strompreise betrifft, die einzige große Ausnahme. Nach Zahlen, die das Statistische Amt der Europäischen Union im Mai 2012 veröffentlicht hat, sind die Strompreise dort im zweiten Halbjahr 2011 im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2010 um 4,9 Prozent gesunken. In allen anderen EU-Ländern sind sie gestiegen, und zwar um durchschnittlich 6,3 Prozent.
In Deutschland gab es eine moderate Steigerung um 3,8 Prozent. Aber: Die Strompreise in der Bundesrepublik befinden sich auf einem hohen Niveau. Europaweit zahlen die Deutschen nach den Dänen am meisten für ihren Strom. Während im europäischen Durchschnitt etwa 18,4 Cent für eine Kilowattstunde fällig werden, sind es in Deutschland rund 25,3 Cent. Am billigsten ist der Strom derzeit in Bulgarien (9 Cent), Estland (10 Cent) und Rumänien (11 Cent). Die höchsten Anstiege waren in Lettland (plus 27 Prozent) und Zypern (plus 19 Prozent) zu beobachten.
| Land | Durchschnittspreis pro 100 kWh | % Veränderung |
|---|---|---|
| EU27 | 18,4 | 6,3 |
| Euroraum | 19,3 | 6,2 |
| Belgien | 21,2 | 7,3 |
| Bulgarien | 8,7 | 5,4 |
| Tschech. Republik | 14,7 | 5,2 |
| Dänemark | 29,8 | 9,8 |
| Deutschland | 25,3 | 3,8 |
| Estland | 10,4 | 3,8 |
| Irland | 20,9 | 11,3 |
| Griechenland | 12,4 | 2,2 |
| Spanien | 20,9 | 12,8 |
| Frankreich | 14,2 | 5,4 |
| Italien | 20,8p | 8,5p |
| Zypern | 24,1 | 19,4 |
| Lettland | 13,4 | 27,5 |
| Litauen | 12,2 | 0,4 |
| Luxemburg | 16,6 | -4,9 |
| Ungarn | 15,5 | 2,3 |
| Malta | 17 | 0 |
| Niederlande | 18,4 | 8,4 |
| Österreich | 19,7 | 1,8 |
| Polen | 13,5 | 5,1 |
| Portugal | 18,8 | 12,9 |
| Rumänien | 10,9 | 3,7 |
| Slowenien | 14,9 | 4,6 |
| Slowakei | 17,1 | 4,5 |
| Finnland | 13,7 | 0 |
| Schweden | 20,4 | 2,4 |
| Ver. Königreich | 15,8 | 12,1 |
| Norwegen | 18,7 | -4,8 |
| Kroatien | 11,5 | 1,7 |
| Türkei | 11,5 | 4,1 |
| Albanien | 11,6 | : |
| Bosnien & Herzegowina | 7,9 | 6,8 |
Die Strompreise beziehen sich auf Preise für Haushalte mit einem jährlichen Verbrauch zwischen 2 500 und 5 000 kWh und schließen Steuern mit ein. Diese Preise werden mit dem nationalen Haushaltsverbrauch gewichtet, um den EU Durchschnitt zu ermitteln. Die endgültigen Preise, die den Stromverbrauchern berechnet werden, sind abhängig von der Struktur der Stromtarife und Stromverträgen, welche normalerweise eine Reihe von Faktoren beinhalten, einschließlich fester Gebühren und Preise pro Einheit, welche je nach Strommenge und Tageszeit des Verbrauchs variieren, Quelle: Eurostat
Steigende Strompreise bedeuten wachsendes Risiko für deutsche Wirtschaftskraft
Hohe Strompreise sind schlecht für die Wirtschaft und stellen für zunehmend viele Verbraucher ein Problem dar. Insbesondere Arbeitslose und sozial benachteiligte Haushalte können den stetig steigenden Zahlungsverpflichtungen immer seltener nachkommen. Wiederholt wurde der Ruf nach speziellen Sozialtarifen für diese Kundengruppen laut, doch hat sich in Deutschland bisher wenig getan.
Bei der Wirtschaft sieht das anders aus. Die deutschen Unternehmen stehen nicht nur im europäischen, sondern im globalen Wettbewerb. Besonders für energieintensive Betriebe würde ein zu hoher Strompreis einen entscheidenden Standortnachteil bedeuten. Aus diesem Grund räumte der Gesetzgeber der Industrie zahlreiche Privilegien ein. Sie führen dazu, dass der Strompreis für die Industrie derzeit nur etwa halb so hoch liegt wie für Privatkunden. Lesen Sie hierzu bitte auch das Kapitel „Vergleich der Strompreise für Privathaushalte und Industriekunden“.
Viele Faktoren beeinflussen den deutschen Strompreis
Die Gründe für die hohen Strompreise in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Staaten sind vielfältig. Verbraucher können ihren Beitrag dazu leisten, dass der Anstieg zumindest ein wenig abgebremst wird. In vielen Fällen können sie ihre eigene Stromrechnung sogar senken. Entscheidende Faktoren für den Kostenanstieg sind:
- Die künstliche und natürliche Verknappung von Energiequellen. Deutschland hat sich für die Energiewende entschieden und schaltet seine Atomkraftwerke sukzessive ab. 2022 soll das letzte vom Netz gehen. Fossile Ressourcen wie Braun- und Steinkohle sind endlich. Ihre Erschließung und Förderung wird zunehmend kostspieliger und komplexer. Einem immer kleiner werdenden Angebot steht eine nach wie vor große Nachfrage gegenüber. Das wird die Preise auch künftig treiben.
- Trotz vieler Bemühungen der Politik und der Liberalisierung des Strommarktes herrscht kein funktionierender Wettbewerb. Immer noch ist ein Großteil der deutschen Stromversorgung in den Händen der vier großen Energiekonzerne EnBW, E.on, Vattenfall und RWE. Dieses überschaubare Angebot ähnelt jenem an den deutschen Tankstellen. Zwar sind Absprachen kartellrechtlich verboten, aber warum sollte eine Krähe der anderen ein Auge aushacken?
- Abenteuer Energiewende. Die für den kompletten Atomausstieg nötige Infrastruktur, etwa der Netzausbau, wird viel Geld kosten. Wie viel genau, lässt sich kaum seriös abschätzen, und es gibt keinerlei Vergleichswerte aus anderen Ländern. Über die EEG-Umlage wird bereits heute ein Teil des Strompreises für die Förderung erneuerbarer Energien verwendet. Inwieweit die Ausbaukosten auf die Verbraucher umgelegt werden, hängt unter anderem von der Geschäftspolitik der Energiekonzerne ab. Diese nutzen das Argument der Energiewende jedoch auch gerne, um damit andere Kostensteigerungen zu begründen. So müssen die Erneuerbaren immer wieder als Sündenbock für eine verfehlte Geschäftspolitik vergangener Jahre herhalten.
- Auch der Verbraucher selbst kann den Strompreis beeinflussen. Viele beziehen ihren Strom immer noch zum Standard-Tarif des örtlichen Grundversorgers. Der ist in der Regel sowohl teurer als Sondertarife des gleichen Versorgers als auch im Vergleich zu Tarifen anderer Anbieter. Je mehr Haushalte sich nach Alternativen umschauen und teuren Versorgern den Rücken kehren, umso schneller dürfte das zu einem Umdenken in der Preispolitik führen. Kunden verliert kein Unternehmen gerne. In den meisten Fällen wird mit einem Wechsel nicht nur der Wettbewerb unterstützt, sondern zumindest die eigene Stromrechnung auch gesenkt.
- Last but not least ist die Staatslast ein entscheidender Faktor des Strompreises. Zwar wurde hier in den vergangenen Jahren kaum an der Preisschraube gedreht, aber einige Abgaben richten sich nach variablen Grundwerten. Wenn diese steigen, steigt auch die Steuerlast. Dies wird am Beispiel der Mehrwertsteuer deutlich: 19 Prozent von einem Netto-Strompreis von 100 Euro bedeuten Abgaben in Höhe von 19 Euro. Bei einem Strompreis von 200 Euro sind es bereits 38 Euro. Auch wenn der Mehrwertsteuersatz unverändert bleibt, steigt die Staatsabgabe mit den höheren Stromkosten.

Staatsanteil Strompreis Europa © Bild Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft
Die Beschaffungskosten spielen übrigens wider Erwarten keine große Rolle bei der hiesigen Preisgestaltung. In Deutschland wurden sinkende Großhandelspreise in der Regel nicht an die Verbraucher weitergegeben.
Weitere Informationen
Strompreis-Dossier Übersicht
Strompreis-Dossier Teil 1: Die Strompreis Entwicklung bei Privathaushalten
Strompreis-Dossier Teil 2: Strompreis Zusammensetzung für Privathaushalte
Strompreis-Dossier Teil 3: Vergleich Strompreise Industrie und Privathaushalt
Strompreis-Dossier Teil 4: Sind die erneuerbaren Energien für den Preisanstieg verantwortlich
Strompreis-Dossier Teil 5: Strompreise im europäischen Vergleich
Strompreis-Dossier Teil 6: Die Strombörse und der Strompreis
Strompreis-Dossier Teil 7: Die wichtigsten Tipps zur Senkung des Strompreises














