Strompreis-Dossier Teil 6: Die Strombörse und der Strompreis

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Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise an der Börse schon seit dem 16. Jahrhundert, als die Kaufmannsfamilie van der Burse den ersten Treffpunkt dieser Art für Kaufleute etablierte. Heute gibt es Tauschbörsen, Aktienbörsen – und Strombörsen. Über diese Marktplätze können Überkapazitäten verkauft oder Nachschub besorgt werden. In Deutschland nimmt diese Aufgabe die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig wahr.

Stromkosten © Sergej Toporkov, fotolia.com
Stromkosten © Sergej Toporkov, fotolia.com

Ihr Einfluss ist nicht einfach zu beurteilen. Lediglich ein Teil des in Deutschland gehandelten Stroms wird tatsächlich über die Börse umgesetzt. Aktuelle Schätzungen gehen von rund 20 Prozent aus. Der große Rest wird über Lieferverträge und indirekte Vermarktung gehandelt. Diese orientieren sich offiziell meist an den an der Börse aktuell gültigen Preisen. Es ist allerdings schwerlich nachzuprüfen, ob die Preisgestaltung für das Stromvolumen, das außerhalb der Leipziger Strombörse gehandelt wird, tatsächlich immer fair ist. Außerdem ist der Börsenpreis als Referenzwert nur bedingt geeignet, da er nur einen Bruchteil des Handels abbildet.

Über kurz oder lang – der Stromhandel in Leipzig

Mit dem Preis, den Verbraucher für ihren Strom zahlen müssen, haben die Preise an der Strombörse nur wenig gemein. Der Endpreis, den ein Haushalt auf seiner Stromrechnung findet, setzt sich aus vielen verschiedenen Faktoren zusammen. Die Beschaffungs- und Transportkosten spielen dabei eine wichtige, aber bei weitem nicht die wichtigste Rolle. Lesen Sie hierzu bitte auch das Kapitel „Wie setzt sich der Strompreis für Privathaushalte zusammen?“. An der Strombörse werden große Mengen des Produktes Strom gehandelt. Dabei sind vor allem zwei Handelsarten zu unterscheiden.

Am Terminmarkt können sich die Energieversorger langfristig mit den benötigten Kapazitäten eindecken. Dies sichert zum einen die Grundversorgung für die kommenden Monate und eventuell sogar Jahre, hat jedoch auch einen Nachteil. Sollten die Beschaffungspreise in der Zwischenzeit sinken, zahlen die Versorger unter Umständen mehr für ihren Strom, als nötig wäre. Manch ein Versorger kann seine Tarife trotz geringerer Beschaffungskosten nicht senken, weil er sich langfristig verpflichtet hat. Für eine verantwortungsvolle Absicherung der Grundkapazitäten müssen solche Minusgeschäfte jedoch in Kauf genommen werden.

Am Spotmarkt werden dagegen Verträge mit kurzen Laufzeiten gehandelt. Diese können schneller an sich verändernde Preissituationen angepasst werden. Umgekehrt bieten sie keine langfristige Planungssicherheit. Wer sich nur auf den Spotmarkt verlässt, muss die Preisentwicklungen notgedrungen mitgehen – auch wenn sich der Preis nach oben entwickelt.

Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller
Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller
Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller
Handelsraum an der Strombörse EEX © Bild Christian Hüller

Der Einfluss der Erneuerbaren auf die Preisfindung

Stellen Sie sich vor, Sie möchten Strom kaufen und sie bekommen ihn nicht nur umsonst, sondern erhalten dafür noch Geld. Klingt kurios, ist jedoch an der Strombörse kein Einzelfall. Das entspricht dem Grundprinzip an der Börse: Angebot und Nachfrage.

Atomkraftwerke lassen sich nicht innerhalb von Minuten herunterfahren. Sie stehen für die Grundlast- und Spitzenlastversorgung zur Verfügung. Wenn nun beispielsweise an einem sonnigen Tag sehr viel Solarstrom in die Netze eingespeist, gleichzeitig aber wenig Strom verbraucht wird, kann das Angebot die Nachfrage schnell übersteigen. Zu dem ohnehin produzierten Atomstrom kommt ein großes Angebot an Ökostrom hinzu. Die Folge: Der Preis sinkt, unter Umständen auch weit unter Null.

Die Mischung macht‘s

Dieser Mechanismus wird sowohl von Ökostrom-Erzeugern als auch von den großen Energieversorgern benutzt, um Kritik an der Gegenseite zu äußern. Und beide haben Recht. Erneuerbare Energien haben eine strompreissenkende Wirkung, da sie mit ihrem wachsenden Angebot zunehmend teure Spitzenlast-Kraftwerke aus dem Netz drängen. Sinkt der Preis aufgrund eines großen Überangebots jedoch in den negativen Bereich, entstehen Kosten. Die Stromanbieter müssen Prämien zahlen, um ihren Strom loszuwerden. Dadurch steigt zum einen die EEG-Umlage, ohne dass der Ökostrom einen positiven Nutzen bringen würde. Zum anderen steigen die Betriebskosten der Energieversorger, die diese erfahrungsgemäß an die Verbraucher weitergeben.

Wer über Stromspeicher verfügt, könnte dem Markt ein Schnippchen schlagen und erst dann verkaufen, wenn die Preise wieder gestiegen sind. Der Bau von Stromspeichern wird als Schlüsselelement der Energiewende angesehen. Gut möglich, dass die Bundesnetzagentur mit der Duldung negativer Strompreise Anreize schaffen will, diese Stromspeicher schneller zu bauen. Bislang wird der überschüssige Strom billig oder gar umsonst an das Ausland abgegeben.

Die Strombörse ist kein perfektes System

Die Leipziger Strombörse EEX versucht, ein größtmögliches Maß an Transparenz zu gewährleisten. Trotzdem muss sie sich auch mit Kritik auseinandersetzen. So wird beispielsweise von einigen Fachleuten darauf hingewiesen, dass die Anzahl der Marktteilnehmer verhältnismäßig klein ist. Im Gegensatz zur Aktienbörse, wo theoretisch mehrere Millionen Kleinanleger, Investmentgesellschaften und Bankhäuser aktiv sind, beschränkt sich die Zahl an der Strombörse auf rund 250 Händler. Je geringer ihre Anzahl, desto geringer ist im Falle des Falles auch der Aufwand, Preise im eigenen Sinne beeinflussen zu können. Hier greift wieder das Beispiel mit den Tankstellen. Wenn bestimmte Preise im Sinne weniger beherrschender Marktteilnehmer sind, dann sind offene – und verbotene – Absprachen unter Umständen gar nicht nötig.

Darüber hinaus argumentieren viele Energieversorger bei Preiserhöhungen mit den gestiegenen Beschaffungskosten. Ähnlich wie bei der EEG-Umlage ist der Einfluss dieser Kosten auf den Strompreis begrenzt und in den wenigsten Fällen geeignet, um die Notwendigkeit stetiger Preissteigerungen zu belegen.

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